Freitag, 21. Juli 2017

Laborbericht der Modellkommune Diemelstadt 

Laborbericht der Modellkommune Diemelstadt

Auf Einladung der Senioren Union Bad Arolsen gab der Bürgermeister der Stadt Diemelstadt, Elmar Schröder, einen umfassenden Laborbericht zu den Aktivitäten der hessischen Modellkommune in der Seniorenresidenz Ars Vivendi.

Es sei schon etwas merkwürdig, dass nach dem anfänglichen Hype um die zahlreichen Flüchtlinge nun, so eine Ruhe zur Flüchtlingsthematik eingekehrt sei, so Schröder. Er sprach bewusst von einem Laborbericht, weil Diemelstadt mit dem Feldversuch des Projektes noch mitten in der Umsetzung stecke. In den beiden Zukunftswerkstätten der Stadt Diemelstadt hatten zahlreiche Bürger mitgearbeitet und festgestellt, dass das Geburten-/Sterbesaldo ca. 50 Personen pro Jahr beträgt und die Bildungsabwanderung weitere 50 Abgänge erreicht. Bildlich zeigte Schröder einen vollbesetzen Bus alter Menschen und einen weiteren Bus junger Men­schen, die Diemelstadt pro Jahr verlassen. Zuwanderung sei daher eine notwendige Maßnahme, um auf Dauer die Infrastruktur und die Lebensqualität im ländlichen Raum aufrecht zu erhalten.

Gleichzeitig würden in den 10 geburtenstärksten afrikanischen Ländern pro Frau zwischen 5 und 7 Kinder im Durchschnitt geboren. Aufgrund der schlimmen Bedingungen liege dort das  Medianalter bei 15 Jahren, während es in Deutschland bei 45 Jahren liege.

(Erläuterung: Das Medianalter ist der mediane Lebensalter der Individuen einer Bevölkerung. Es ist also jenes Lebens-alter, das die beobachtete Gruppe so teilt, dass höchstens 50 % ihrer Mitglieder jünger und höchstens 50 % älter sind als dieses Lebensalter. Es wird als Kennzahl benutzt, um die Alterung der Bevölkerung z. B. eines Staates zu beschreiben.)

Die Zahl der über 100-Jährigen ist bei uns in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten um 400% gestiegen, so Schröder weiter, wir werden somit älter, weniger aber auch bunter. Bei den Anstren­gungen im Flüchtlingsbereich habe man nach der Welle 2015 alle Anstrengungen unternommen, die eine Kommune leisten kann, um für die Unterbringung, Sprachkurse und Integrationsbemühungen zu sorgen. Heute, zwei Jahre später, stellen wir fest, dass ein Drittel unserer Flüchtlinge auf einem guten Weg ist, um auch auf Dauer in Deutschland sprachlich, arbeits­technisch und gesellschaftlich anzukommen um sich zu integrieren, so Schröder weiter. Aller­dings müsse man auch überlegen, warum 2/3 der Flüchtlinge nach zwei Jahren noch nicht in Sprachkursen oder sonstigen Maßnahmen aufgenommen worden sind. Bereits vor 20 Jahren haben wir in der Politik über ein  Zuwanderungsgesetz diskutiert, bei dem klare Spielregeln und Forderungen beider Seiten definiert werden müssen. Es müsse eine Art Schulpflicht für die integrationsbereiten und anerkann­ten Flüchtlinge vorgeschrieben werden sowie ein vereinfachter Zugang zum Arbeitsmarkt, denn Arbeit sei zumindest in Diemelstadt genug vorhanden. Dagegen müssten Flüchtlinge, die bewusst Integrationsmaßnahmen ablehnten, nicht unbedingt in kleinen Wohneinheiten der Ortsgemein-schaften wohnen. Hier reiche eine Gemeinschafts-unterkunft bzw. größere Unterbringungsmöglichkeiten aus, denn wer unsere Sprache nicht sprechen möchte, wird auf Dauer nicht in unserem dörflichen Wohnumfeld klar kommen, so Schröder weiter. Der derzeit stattfindende sogenannte Rechtskreiswechsel führe dazu, dass viele anerkannte Flüchtlinge nun in die Statistiken des Jobcenters wechselten. Die daraus resultierende Schlagzeile: „Immer mehr Flüchtlinge seien arbeitslos“, ist so nicht richtig. Es gibt also viel zu tun, wenn die Bundes­tagswahl und die Sommerpause beendet sei, denn wenn es keine eindeutigen Regelungen zur Zu­wanderung gebe, die verpflichtend seien, werden die ländlichen Kommunen die Flüchtlinge mit Ab­wanderungswunsch in Oberzentren ziehen lassen. Damit sei der ländliche Raum, der eigentlich gute Bedingungen biete, das Problem los, es würden jedoch größere Konflikte in den Ballungszentren ent­stehen.

„Für die Stadt Diemelstadt mit allen Beteiligten, auch aus dem vorpolitischen Raum, kann ich sagen, dass wir in den letzten zwei Jahren alles getan haben, um aus Flüchtlingen Bürger zu machen. Es müssen jedoch noch viele Dinge geregelt werden. Ein Wegschauen und Schweigen wird nicht rei­chen. Deshalb werde ich mich auch weiterhin aktiv am spannenden Prozess der nächsten Jahre be­teiligen und weiter aus dem Labor berichten. Die enormen Leistungen in Nordwaldeck des Jahres 2015 bei denen auch die Feuerwehren und Hilfsorganisationen eine wichtige Rolle gespielt haben, waren für mich sehr beeindru­ckend. Wir Deutschen können, wenn es darauf ankommt, viel - und wir können zufrieden und stolz darauf sein. “,  sagte Bürgermeister Schröder abschließend mit einem doch positiven Fazit.

 

Foto v.l.

Bürgermeister Elmar Schröder, Vorsitzender der Seniorenunion Bad Arolsen Helmut Opper,

Ursula Bohne, Margit Merhof von der Frauenunion und Dr. Günter Welteke Landrat a.D.